Mann Schmerzen Bad (Bild: Magnific AI)

Gen Z oder Silver Generation: Wer hat die meisten Geschlechtskrankheiten?

Na, wer treibt es unvorsichtiger? Die „Jugend von heute“ oder eher die „alten Säcke“? Eine Studie zeigt erstaunliche Zahlen.

Ältere brauchen keinen Schutz mehr – oder?

Freitagabend. 52, geschieden, das zweite Date mit der Frau aus dem Yogakurs wird nett. Es wird spät, es wird vertraut, und an Kondome denkt niemand mehr. Warum auch? Schwanger wird in dem Alter niemand. Und wer Mitte 50 eine neue Beziehung eingeht, der fühlt sich in seinem Alterssegment irgendwie sicher. So die gängige Logik an so einem Abend.

Nur leider ist diese Logik kaputt! Das Robert Koch-Institut notiert jedes Jahr über 10.000 neue STI-Infektionen in Deutschland. Also Geschlechtskrankheiten wie Tripper, HIV und Syphilis. Und die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher, weil viele Betroffene gar nicht merken, dass sie etwas haben.

Wer genau betroffen ist, hat ein Onlineportal für Deutschland nachgerechnet. Dafür wurden 84.000 Meldungen zu Gonorrhoe, HIV und Syphilis ausgewertet, die dem RKI zwischen 2019 und 2025 übermittelt wurden, aufgeschlüsselt nach Altersgruppen. Das Ergebnis passt zu keinem Klischee, das du im Kopf hast.

Paar hat Spaß (Bild: Magnific AI)
Schutz beim Poppen? Warum? Denkst du auch so? Dann begehst du einen fatalen Fehler – egal, wie alt du bist!

Die Zahlen, die wehtun

Im Median sind die Menschen, bei denen eine STI festgestellt wird, 32 Jahre alt bei Gonorrhoe, 39 Jahre bei HIV und 41 Jahre bei Syphilis. Die häufigste Altersgruppe bei Tripper sind die 25- bis 29-Jährigen, bei HIV die 35- bis 39-Jährigen, bei Syphilis die 30- bis 39-Jährigen.

Mit anderen Worten: Das sind keine Klischee-Figuren aus irgendwelchen Dating-App-Werbungen, sondern die Jahrgänge, die gerade zwischen Kinderzimmer, Karriere und erstem Bandscheibenvorfall pendeln. Der 40. Geburtstag ist also offenbar kein Grund, die Vorsorge der Jugend auf den Müll zu werfen.

Nein, das ist kein Einzelfehler in der Statistik! Tripper-Erkrankungen sind zwischen 2001 und 2019 um das Vierfache gestiegen, die Syphilis-Fälle haben sich zwischen 2009 und 2019 verdoppelt. Geschlechtskrankheiten erleben in Deutschland ein echtes Comeback, während viele glauben, das Thema ginge sie nicht an.

Dabei können die Folgen richtig unangenehm werden. Unbehandelt reichen sie von Unfruchtbarkeit über Krebs bis hin zum Tod. Und das Beste daran: Fast alles davon wäre mit ein bisschen Vorsicht relativ leicht zu verhindern. Relativ leicht. Das ist der Teil, an dem es in der Praxis dann doch wieder scheitert.

Kondome (Bild: Magnific)
„Kondome schützen“ – dieser Werbeslogan ist leider verloren gegangen. 

Die zweite Jugend kommt ohne Kondome aus

Besonders spannend ist ein zweiter kleiner Peak zwischen 50 und 55 Jahren, vor allem bei Syphilis. Inzwischen betrifft fast jeder dritte Syphilis-Fall Menschen ab 50. Deren Anteil ist seit 2019 von 26,6 auf 30,8 Prozent gestiegen. Die 60- bis 64-Jährigen haben ihren Anteil sogar verdoppelt.

Norbert Brockmeyer, Mediziner und Präsident der Deutschen STI-Gesellschaft, erklärt das so: Das sei das Alter, in dem Menschen noch einmal eine feste Beziehung verlassen, in dem die sogenannte zweite Jugend komme. Scheidung durch, Wohnung neu eingerichtet, Dating-App installiert. Diese zweite Jugend geht offenbar mit ein bisschen jugendlichem Leichtsinn einher.

Der Punkt, den der Experte dabei herausstreicht, ist so ehrlich wie unbequem: In dem Alter besteht die Sorge vor einer Schwangerschaft nicht mehr, und deshalb wird seltener an Kondome gedacht. Die Pille war jahrelang der Grund, warum Verhütung überhaupt ein Thema war. Blöd nur, dass Gummis nie nur Verhütung waren, sondern auch Schutz.

Dazu kommt das Gefühl, in der eigenen Altersgruppe vor so etwas sicher zu sein. Genau dieses Gefühl kennt man ja auch von jungen Leuten, die meinen, das träfe sie schon nicht. Offenbar ist Selbstüberschätzung die einzige sexuell übertragbare Eigenschaft, die wirklich alle Jahrgänge gleich trifft.

Urologe (Bild: Magnific)
Ein Besuch beim Arzt oder Urologen kann sehr peinlich sein. Unter Umständen kann er sogar dein Todesurteil bedeuten.

HIV: Die Diagnose kommt Jahre zu spät

Bei HIV sieht die Sache noch mal anders aus, und zwar in einer Richtung, die man als 45-Jähriger nicht auf dem Schirm hat. Bis zu 50 Prozent aller HIV-Diagnosen bei heterosexuellen Menschen sind Spätdiagnosen. Das heißt, die Betroffenen haben sich mitunter schon vor sieben, acht Jahren infiziert. Bei der Diagnose zeigt sich dann oft schon eine Schädigung der Immunfunktion, weil die Infektion Jahre unentdeckt lief.

Übrigens trifft das homosexuelle Menschen deutlich seltener, dort sind nur etwa 30 Prozent aller HIV-Diagnosen Spätdiagnosen. Der Grund ist profan: Diese Gruppe lässt sich deutlich engmaschiger testen, besonders wenn eine HIV-Prophylaxe, die sogenannte PrEP, genutzt wird. Regelmäßige Tests sind hier einfach normaler Teil der Vorsorge.

Die Botschaft für dich ist nicht kompliziert. Falls du in den letzten Jahren mehr als einen Risikokontakt hattest und seitdem kein Test anstand, dann ist heute ein guter Tag, das zu ändern. Ein HIV-Test ist schnell gemacht, und eine frühe Diagnose ist heute kein Todesurteil mehr, sondern der Start einer gut behandelbaren Therapie. Bei stabiler Therapie werden Übertragungen beim Sex sogar verhindert.

Mann Facepalm (Bild: Magnific)
Manch ein Mann macht mit 50 oder 60 noch die gleichen Fehler wie mit 20 oder 30.

Tripper, den kein Antibiotikum mehr packt

Die Gonorrhoe, landläufig Tripper genannt, verdient einen eigenen Absatz, weil sie gerade ein richtig fieses Problem entwickelt. Schätzungen gehen von 20.000 bis 25.000 Infektionen pro Jahr aus. Zum Vergleich: Das RKI sieht davon offiziell nur einen Bruchteil, weil bundesweit nur Erreger mit Antibiotikaresistenz gemeldet werden müssen. Die Dunkelziffer ist also gewaltig.

Und jetzt kommt der Teil, der richtig unangenehm wird. Diese bakterielle Infektion hat zum Teil Antibiotikaresistenzen entwickelt. Heißt im Klartext: Wer sich mit diesem Tripper-Stamm infiziert, kann unter Umständen nicht mehr behandelt werden. Da hilft dann auch kein Zuwendungsblick in der Apotheke.

Gerade bei Männern zeigt sich Tripper meist mit klaren Symptomen wie Ausfluss, Jucken oder Schmerzen beim Wasserlassen. Oft bleibt es aber auch komplett unbemerkt, und unbehandelt kann Gonorrhoe bis zur Unfruchtbarkeit führen. Wer so etwas ignoriert, handelt sich also nicht nur ein kurzfristiges Problem ein, sondern möglicherweise ein lebenslanges.

Alter Mann - junge Frau (Bild: Magnific)
Die Midlife-Crisis beginnt meist zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr. Und damit oft auch der fatale Fehler, jeglichen Schutz zu vergessen. Oder man(n) will ihn vergessen.

Achtung beim Betrachten der Fallzahlen!

Bevor jetzt jemand auf die Idee kommt, die Boomer seien die Gefahr für die öffentliche Gesundheit, halten wir kurz fest: So einfach ist die Rechnung nicht! In Deutschland leben 6,7 Millionen Menschen zwischen 55 und 59 Jahren, aber nur 4,9 Millionen zwischen 25 und 29. Eine große Jahrgangskohorte stellt automatisch mehr Fälle, ganz ohne wildes Treiben.

Rechnet man die Meldungen des Jahres 2025 auf 100.000 Einwohner der jeweiligen Altersgruppe um, wird das Bild eindeutig. Das höchste Syphilis-Risiko haben die 30- bis 34-Jährigen mit 25 Fällen pro 100.000, ein 30- bis 34-Jähriger hat ein 1,7-mal so hohes Risiko wie ein 55- bis 59-Jähriger. Bei HIV liegt das Risiko zwischen 25 und 44 Jahren auf einem Plateau, und ab 65 Jahren fällt es bei allen drei Krankheiten steil ab.

Und auch der Mediziner stellt klar: Die meisten Infektionen werden weiterhin vor dem 30. Lebensjahr erworben. Die Verschiebung der Diagnosen nach oben liegt zum Teil schlicht daran, dass HIV-Diagnosen oft Jahre nach der Ansteckung erfolgen. Die Kurve zeigt also das Diagnosealter, nicht das Ansteckungsalter.

Kurz gesagt: Keine Generation hat hier das alleinige Problem, sondern alle zusammen. Sexuell übertragbare Infektionen kommen, so Brockmeyer, in der Breite der Gesellschaft an. Alle Gesellschafts- und Altersgruppen sind betroffen, und je weiter verbreitet etwas ist, desto höher die Wahrscheinlichkeit, sich und andere anzustecken.

Paar im Bett frustriert (Bild: Magnific)
Eine Geschlechtskrankheit ist kein „Ach egal!“, sondern eine ernsthafte Situation – besonders für eine Beziehung.

Was du sofort konkret tun kannst

Die gute Nachricht: Du musst kein Medizinstudium anfangen. Kondome bleiben der Basisschutz, auch wenn sie keinen hundertprozentigen Schutz bieten. Wer nach der Scheidung wieder ins Dating-Leben startet, sollte sie deswegen nicht wie ein Relikt aus der Studienzeit abtun, sondern einfach wieder einpacken. Im Zweifel erspart dir das nicht nur einen Arzttermin, sondern auch ein sehr unangenehmes Gespräch.

Dazu kommt das Thema Impfen. Gegen HPV gibt es endlich eine Impfung gegen Krebs, und sie wird trotzdem stiefmütterlich behandelt. Hierzulande sind gerade einmal rund 30 Prozent der Jungen und etwa 55 Prozent der Mädchen geimpft. In Australien, Dänemark und Großbritannien sind es 80 bis 90 Prozent der Teenager. Die Impfung schützt vor Gebärmutterhals-, Kehlkopf-, Penis- und Analkrebs, wird zwischen 9 und 14 Jahren empfohlen und kann bis zum 18. Geburtstag kostenlos nachgeholt werden. Falls Kinder in deinem Haus wohnen: Das ist einer der wenigen Punkte auf der Eltern-Checkliste, die sich wirklich lohnen.

Und zuletzt die vielleicht wichtigste Erkenntnis: Das Gespräch über den Sex gehört vor den Sex, nicht nachher. Das Thema vorher ansprechen, wenn der Gegenüber einem gefällt, ist unsexy, klar. Aber es kostet nichts, ändert nichts an der Schönheit des Abends und verhindert im Ernstfall ziemlich viel. Und selbst die Verhütung ist keine Aufgabe, die man auf Menschen mit Uterus abwälzt und sich dann entspannt zurücklehnt. Als mündiger Mann gehört das auch zu deinen Pflichten.

Arzt im Gespräch (Bild: Magnific/Freepik)
Ist etwas komisch? Dann geh lieber mal zum Arzt und lass ihn nach den Ursachen suchen.

4M – Das Männermagazin meint dazu …?

Geschlechtskrankheiten waren im Kopf vieler immer irgendwas für Teenager, für die große Stadt, für irgendwelche anderen. Doch die aktuellen Zahlen räumen mit diesen Klischees auf!

Wer mit 52 wieder loslegt wie mit 22, sollte auch den Schutz mitnehmen wie in jungen Jahren. Ja, das Kondom ist kein Teenager-Accessoire, sondern Werkzeug wie der Feuerlöscher in der Küche! Man hofft, ihn nie zu brauchen. Aber wehe, er ist nicht da, wenn es brennt.

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Bilder: Magnific AI, Magnific/Freepik

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