Der Rivian R3 sieht aus wie ein moderner Golf 1 und nutzt Technik, die VW bezahlt hat. Peinlicher kann ein Comeback kaum laufen.
Ist das ein Golf-Remake?
Da steht er. Kurze Schnauze. Steiles Heck. Große Fenster. Viele Kanten. Der Rivian R3 sieht von der Seite aus, als hätte jemand einen Golf 1 aus einer trockenen Scheune gezogen, den Staub abgepustet und ein paar neue Features reingedängelt.
Keine rollende Seifenblase. Kein aufgepumpter Zwei-Tonnen-Klopper, der „urbane Dynamik“ verspricht und beim Parken zwei Plätze braucht. Sondern ein handliches Auto mit klarer Form. Genau deshalb trifft der R3 einen Nerv.
Der R3 sieht aus wie das Auto, das VW bauen müsste
Natürlich ist der R3 keine offizielle Neuauflage des Golf 1. Rivian selbst verkauft den Wagen als kompakten elektrischen Crossover. Die Form erinnert außerdem an kantige Rallye-Kisten der Achtziger, etwa den Lancia Delta oder den alten Audi Quattro.
Trotzdem springt dir der Golf-Vergleich direkt ins Gesicht – mit seinen kompakten Proportionen. Dazu diese herrlich unkitschige Grundform, bei der nicht jede Fläche aussieht, als hätte ein Windkanal einen Nervenzusammenbruch gehabt.
Ein Golf 1 war kein Designerhandtäschchen auf Rädern. Er war ein Auto. Einsteigen, losfahren, Kasten Bier rein, fertig.
Genau diese Ehrlichkeit strahlt auch der R3 aus. Nur eben mit breiteren Backen, großen Rädern und dem typischen Rivian-Gesicht. Retro, ohne wie eine fahrende Karnevalsnummer auszusehen.

Klein, kantig und bezahlbar – ein echter Volks-Wagen
Ein Wagen fürs Volk. Das bot einst Volkswagen. Doch von diesem Konzept haben sich die Wolfsburger schon lange verabschiedet. Auch aktuelle Versuche, dieses Image wieder zu erlangen, geht bislang schief. Man denke an die überzogenen Preise für den VW ID Polo GTI.
Zugegeben: Beim Rivian R3 ist der endgültige Preis noch nicht offiziell bekannt. Klar ist bislang nur: Er soll spürbar günstiger werden als der größere R2, für den Rivian einen Einstiegspreis von rund 45.000 US-Dollar angekündigt hatte. Damit soll der R3 endlich Rivians Schritt in den Massenmarkt werden.
Ob daraus in Deutschland tatsächlich ein bezahlbares Auto wird, steht noch auf einem anderen Blatt. Zwischen amerikanischem Wunschpreis und deutscher Bestellseite liegen gerne ein paar Tausender, Steuern und drei Meetings mit der Abteilung für Premiumaufschläge. Die Richtung stimmt trotzdem.
Rivian plant kein elektrisches Luxus-Ufo für Zahnärzte mit eigener Photovoltaik-Scheune. Der R3 soll kleiner, einfacher und günstiger werden. Ein Stromer für Menschen, die morgens zur Arbeit müssen und nicht zur nächsten Aktionärskonferenz.
VW sponsert das Pseudo-Golf-Comeback
Das Kuriose: Der R3 kommt zwar von Rivian, aber irgendwie auch von VW. Denn Volkswagen und Rivian arbeiten eng zusammen. In einem Gemeinschaftsunternehmen entwickeln beide Firmen eine neue Elektronik- und Softwarearchitektur für kommende Elektroautos.
Das ist aus technischer Sicht wahrscheinlich sinnvoll. Rivian kann Software offenbar besser als so mancher deutscher Großkonzern, bei dem schon das Infotainment-Menü zu einem fünfjährigen, erfolglosen Behördenprojekt wird.
Für VW steckt in der teuren Partnerschaft, in die schon zig Milliarden geflossen sind, auch eine gewisse Komik. Der Konzern pumpt Geld und Vertrauen in ein amerikanisches StartUp. Dieses StartUp zeigt anschließend ein kompaktes, kantiges Elektroauto, das emotional näher am Ur-Golf liegt als fast alles, was Volkswagen in den vergangenen Jahren selbst auf die Räder gestellt hat.
VW hat währenddessen den Golf immer größer, schwerer, teurer und komplizierter gemacht. Aus dem einfachen Volksauto wurde schrittweise ein Gefährt mit Touchflächen, Untermenüs und einer Preisliste, bei der du vorsichtshalber die Lesebrille holst.
Rivian schaut sich offenbar die alte Formel des VW Golfs an und sagt: kleines Auto, klare Form, vernünftiger Nutzwert. Reicht doch.
Der R3 zeigt, was modernen Elektroautos fehlt
Viele Elektroautos sehen aus, als hätten sich ein Turnschuh, ein Computermausgehäuse und ein aufgeblasener SUV bei Dunkelheit sehr lieb gehabt. Das Ergebnis ist aerodynamisch, effizient und ungefähr so emotional wie ein neuer WLAN-Router.
Der Rivian R3 macht es anders. Er versucht nicht, seine Batterie mit einem Science-Fiction-Kostüm zu entschuldigen. Er sieht nach Auto aus. Nach einem sympathischen, leicht frechen Auto sogar. Genau darin liegt seine Stärke.
Menschen kaufen schließlich nicht nur Reichweite, Ladeleistung und Akkukapazität. Sie kaufen auch ein Gefühl. Der Golf 1 stand für Freiheit. Für das erste eigene Auto. Für die Fahrt an den See. Führt das Radio mit dem abgebrochenen Drehknopf. Für den Geruch aus kaltem Rauch, Sitzpolster-Spray und Wunderbaum.
Der R3 bedient diese Erinnerung, ohne sie plump zu kopieren. Das kann gefährlich gut funktionieren.

Noch ist der Volks-Rivian ein Versprechen
Bei aller Begeisterung bleibt der R3 vorerst ein Prototyp. Rivian nennt noch keinen endgültigen Verkaufspreis, keinen festen Europastart und keine vollständigen technischen Daten für alle Varianten.
Geplant sind unterschiedliche Batterie- und Antriebskonfigurationen. Rivian spricht unter anderem von Versionen mit einem, zwei oder drei Motoren. Die größere Batterie soll eine Reichweite von mehr als 480 Kilometer bieten. Auch schnelles Laden von zehn auf 80 Prozent in weniger als 30 Minuten wurde bei der Vorstellung in Aussicht gestellt.
Klingt ordentlich. Entscheidend wird aber etwas anderes: Kann Rivian das Ding tatsächlich in großen Stückzahlen bauen und zu einem Preis verkaufen, der nicht kurz vor Marktstart plötzlich „premiumorientiert“ wird?
Für Volkswagen ist dieser Wagen eine Ohrfeige
VW könnte die Sache entspannt sehen. Schließlich arbeitet man mit Rivian zusammen und profitiert künftig womöglich von dessen Technik.
Emotional bleibt der R3 trotzdem eine Klatsche mit Ansage. Ein amerikanischer Elektroautohersteller nimmt die Formensprache des europäischen Kompaktautos, mischt moderne Technik dazu und baut daraus genau jene Art von sympathischem Stromer, die viele von Volkswagen erwartet hätten.
Nicht noch ein SUV-Coupé-Dings mit Leuchtleiste. Nicht noch eine Studie mit 27-Zoll-Bildschirm und Sitzen aus wiederverwerteten Fischernetzen. Einfach ein moderner, bezahlbarer, kantiger Kompakter. Einer, den du anschaust und sofort verstehst.
4M – Das Männermagazin meint dazu …?
Der Rivian R3 ist noch nicht auf dem Markt. Vielleicht wird er teurer als erhofft. Vielleicht kommt er erst spät nach Europa. Vielleicht bleiben von der großen Volksauto-Idee am Ende nur ein paar hübsches Pressefotos übrig.
Trotzdem zeigt dieser Wagen etwas ziemlich deutlich: E-Autos müssen nicht zwanghaft futuristisch aussehen. Sie müssen nicht riesig sein. Sie müssen auch nicht so tun, als wäre jeder Fahrer ein App-Entwickler mit Outdoor-Podcast.
Der R3 sieht aus wie ein Auto, das man mögen kann. Kompakt, kantig, praktisch und mit einer ordentlichen Portion Golf-1-Seele.
Dass ausgerechnet Rivian diese Idee liefert, während Volkswagen Milliarden in das Unternehmen steckt, macht die Geschichte besonders würzig. VW finanziert einen Partner, der nebenbei vormacht, wie ein moderner Volks-Wagen aussehen könnte. Was für eine peinliche Klatsche für den Autobauer aus Wolfsburg!
Bilder: Rivian







